Weshalb die Zunge eine entscheidende Rolle beim Sprechen und Singen spielt

Von Geburt an ist die Zunge unser höchstentwickeltes Empfindungsorgan, auf der Suche nach der Mutterbrust, schenkt sie uns Genuss und Nahrung. Indem wir unsere Geschmacksnerven entwickeln, lernen wir, Speis und Trank zu genießen und bleiben so am Leben.

Deshalb verbinden wir die Zunge mit Genuss, Ernährung und in einem umfassenden Sinne mit unserem leiblichen Wohl. Da nimmt es nicht wunder, dass die Zunge zeitlebens der erstrangige Sensor schlechthin bleibt, der auf unsere Gefühle reagiert.

 

Zweifelsohne hatten auch Sie schon einmal das Gefühl, „einen Frosch im Hals“ zu haben, wollten am liebsten schluchzend weinen, mussten jedoch die Tränen zurückhalten. Möglicherweise haben Sie auch schon erlebt, von plötzlicher Furcht ergriffen zu werden, wenn Sie bemerkten, dass Ihre Zunge sich verändert anfühlt, und wenn man sehr nervös ist, empfindet man sie als trocken.

 

Oft kommt es vor, dass eine Gesangsschülerin ihre Zunge als zu lang oder groß empfindet oder ganz einfach meint, sie sei ihr beim Singen im Wege.

 

Ich versuche meinen Schülern beim Sprech- oder Gesangsunterricht zu erklären, dass die Zunge gleichsam der Zugang oder Pfad zu unserem Körper ist, was sowohl schon rein physisch gilt, als aber auch für unser Gefühlserleben. Die Zunge speichert auch Emotionen, weshalb wir beim Erlernen von stimmlichen Techniken sozusagen der Symptome oder Anzeichen gespeicherter Gefühle gewahr sein müssen.

 

Viele Menschen haben infolge von gespeicherter Emotion Probleme mit ihrer Stimme, was sich in einer Verspannung an der Zungenwurzel auswirkt. Es kann sich anfühlen, als hätte man ständig einen Frosch im Hals, was man etwas poetisch auch als ungeweinte Tränen beschreiben könnte. Das Anschwellen der Zungenwurzel und die daraus resultierende Anspannung beeinträchtigt Atmung, Artikulation und Klang. Wenn meine Klienten sich beklagen, sich beim Sprechen unwohl zu fühlen, Steifheit und einen Mangel an Kraft und Lautstärke empfinden, kann dies durch sogenannte Reflex-Atmung geheilt werden, eine Methode, die Babys anwenden, wenn sie schreien. Babys haben noch keine Gefühlserfahrungen gesammelt und haben auch noch nicht das Selbstbewusstsein eines Individuums, weshalb der Klang ihres Schreiens ungefiltert und ungetrübt unmittelbar ihr Gefühlsbefinden mitteilt, durch die Wucht und Kraft des Klanges an sich.

 

Sobald wir älter werden, lernen wir, unsere Gefühle in Worte zu kleiden, gewinnen so Selbstbewusstsein oder werden unzufrieden, wenn wir nicht die richtigen Worte finden.

 

Als Babys haben wir unsere Bedürfnisse und Schwierigkeiten unmittelbar ausgedrückt, direkt. Wir dachten nicht über unsere Gefühle nach, und so bestand stets eine ununterbrochene Verbindung zwischen dem Gefühl und seinem stimmlichen Ausdruck, gewissermaßen waren Gefühl und Ausdruck deckungsgleich. Deswegen waren die Muskeln, die daran beteiligt sind, wenn wir einen lauten und wirkungsvollen Schrei ausstoßen, ständig in Verwendung. Dies sind die gleichen Muskeln, die wir gebrauchen, wenn wir kauen, nießen oder lachen. Bei all dem bedienen wir uns unbewusst der Reflex-Atmung, um Luft auszustoßen und einzusaugen. Dabei nutzen wir die inneren und äußeren Bauchmuskeln, um durch die Wechselwirkung von An- und Entspannung ein Vakuum zu erzeugen, das automatisch Luft in die Lungen pumpt, sobald wir die Anspannung der Bauchmuskulatur wieder lösen.

 

Wenn wir lachen, fühlen wir uns gut und energiegeladen. Das ist deshalb so, weil wir dabei die inneren Muskeln an der Basis unserer Bauchmuskulatur reaktivieren. Muskeln, die daraufhin ihrerseits die Wirbelsäule unterstützen und so einen ungehinderten Energiefluss ermöglichen. Wenn wir lachen, lassen wir unserem Gefühl freien Lauf, wir reagieren auf etwas, das uns amüsiert und verstimmlichen dies unmittelbar, ohne rational darüber zu reflektieren, was dabei herauskommt.

 

Solange unsere Stimme mit dem Gefühl unverbunden bleibt, werden diese unterstützenden Muskeln nicht benutzt, was zu einem Mangel an Energie oder sogar Depression führt. Wir können dann unsere Stimme nicht erheben, wir und sie sind niedergeschlagen.

 

Wenn wir also unsere Stimme wieder mit der unteren Bauchmuskulatur in Beziehung bringen und verbinden, setzen wir einen Prozess in Gang, der mit mannigfaltigen Vorteilen, sowohl körperlicher, als auch emotionaler Art verbunden ist. Selbstverständlich hat dies eine positive Auswirkung auf unsere Stimme.

 

Darum ist es für eine wirkungsvolle Stimmbildung grundlegend, zu lernen, die Zungenwurzel zu entspannen und sich die Fähigkeit zu bewusster Reflex-Atmung wieder anzueignen.

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